Kategorie: Emotionale Intelligenz

Gefühle beachten und leben

04.12.2015 Allgemein, Emotionale Intelligenz, Empathie, Rückenschmerzen, Schmerzen, Stress Keine Kommentare

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges sass, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: „Wer bist du?“ Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. „Ach die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüssen. „Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch. „Natürlich kenne ich dich! Immer wieder, einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“ „Ja, aber….“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?“ „Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weisst doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?“ „ Ich … ich bin traurig, antwortet die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. Traurig bist du also, sagte sie und nickte verständnisvoll mit den Kopf, „Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.“ Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen. Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.

Ach, weisst du, begann sie zögernd und äußerst verwundert, es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest. Die Traurigkeit schluckte schwer. Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich zusammen reissen. Und sie spüren das Reissen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen. Oh ja, bestätigte die alte Frau, solche Menschen sind mir schon oft begegnet.

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und alle die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die  Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu. Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. Weine nur, Traurigkeit, flüsterte sie liebevoll, ruh dich aus damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: Aber … aber – wer bist denn eigentlich du? Ich? sagte die kleine Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. Ich bin die Hoffnung.

Dieses Märchen stammt aus dem Buch „Die Farben der Wirklichkeit“

Lassen wir uns irremachen?!

31.03.2014 Allgemein, Emotionale Intelligenz, Empathie, Selbstverantwortung, wingwave Coaching Keine Kommentare

Lassen wir uns irremachen?!

In seinem Buch „Die Psychofalle“ kritisiert Jörg Blech die Flut psychiatrischer Diagnosen.

In der Sonntagszeitung vom 30. März 2014 las ich einen fesselnden Artikel, welcher mich äusserst nachdenklich stimmte. Schon wieder wird eine neue psychische Krankheit, natürlich bei Kindern, diagnostiziert: DMDD (erinnert an die ADHS-Diagnose) bedeutet „disruptive Launenfehlregualtionsstörung“.

Was ist das denn?

Wenn ein Kind aus irgendeinem Grund stinkig ist und seine – sicher berechtigten – Gefühle unmissverständlich in Form eines Wutanfalles kund tut, läuft es Gefahr mit einer „disruptiver Launenfehlregulationsstörung“ diagnostiziert zu werden. Das heisst weiter, künftig werden wieder unzählige Eltern mit einer neuen, angst einflössenden Diagnose konfrontiert werden, welche ihre Spuren und tiefen Narben hinterlassen werden – im Kind, den Eltern, Lehrern und im ganzen Umfeld der Kinder. Interessanterweise handelt es sich einmal mehr um eine subjektive Wahrnehmung von Eltern und Fachleuten. Was für Medikamente werden dafür wohl verabreicht?

Hauptsache ist, man findet einen Namen für ein (Fehl-)Verhalten, welches nicht in unsere gemässigt, kontrollierte Gesellschaft passt. Gefühle zeigen ist immer noch out, weil: Nicht jeder kann mit lebendigen Menschen umgehen.

Lassen wir uns nicht irremachen!

 

 

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