Impulse & Wissen

Mein Übergangsjahr - wenn das Alte sich verändert und das Neue noch keine Form hat

Ich nenne dieses Jahr für mich „Übergangsjahr“.

Nicht, weil etwas Dramatisches passiert wäre. Nein, es ist vieles stiller geworden.

Ich merke, dass sich eine Lebensphase verändert, die mich über viele Jahre begleitet hat. Rollen, die lange selbstverständlich waren, werden weiter oder verlieren an Bedeutung. Auch beruflich beginnt sich etwas zu verändern.

Und gleichzeitig ist das Neue noch nicht klar erkennbar. Genau das macht dieses Jahr für mich zu einem Übergang.

Wenn Vertrautes nicht mehr selbstverständlich ist

Es gibt Lebensphasen, in denen vieles vorgegeben scheint. Man weiss, was zu tun ist. Man hat Aufgaben, Verpflichtungen, Ziele. Man wird gebraucht und hat seinen Platz.

Und dann verändert sich etwas. Oft geschieht es ganz leise.

Die Kinder sind erwachsen. Die Familie verändert sich. Berufliche Aufgaben werden weniger oder bekommen eine andere Bedeutung. Dinge, die früher wichtig waren, fühlen sich plötzlich nicht mehr gleich wichtig an.

Man stellt fest: Ich bin noch dieselbe Person – und gleichzeitig passt manches, was bisher zu meinem Leben gehört hat, nicht mehr ganz zu mir.

Das kann zunächst irritieren. Denn wenn etwas wegfällt, das lange Orientierung gegeben hat, entsteht ein Raum.

Und mit diesem Raum kommt manchmal die Frage: Was kommt jetzt?

Ich bin auch älter geworden.

Und auch das gehört zu diesem Übergangsjahr.

Mit den Jahren verändert sich nicht nur das Leben um uns herum. Auch unser Blick auf die Dinge verändert sich.

Ich habe vieles erlebt, ausprobiert, entschieden, getragen und auch wieder losgelassen. Ich kenne mich heute besser als früher. Und ich weiss inzwischen auch, dass nicht jede Entscheidung für immer gelten muss.

Lange war vieles von einem „Ich muss“ geprägt.

Ich muss arbeiten. Ich muss Verantwortung übernehmen. Ich muss funktionieren. Ich muss mich um vieles kümmern.

Heute darf aus dem „Ich muss“ immer öfter ein „Ich darf“ werden.

Auch das Thema Pensionierung bekommt dadurch für mich eine andere Bedeutung.

Ich könnte mich zurückziehen. Ich muss es aber nicht.

Ich arbeite gerne. Meine Arbeit erfüllt mich. Ich liebe es, Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu erleben, wenn sich bei ihnen etwas bewegt.

Also möchte ich weiterarbeiten. Weil ich darf. Weil ich möchte.

Und genau dieser Unterschied ist für mich heute wesentlich.

Ich muss darauf noch keine Antwort haben

Früher hätte ich diese offene Situation wahrscheinlich als Unsicherheit empfunden.

Ich hätte versucht, möglichst schnell wieder eine Richtung zu finden. Etwas Neues zu planen. Ein Ziel zu formulieren. Zu wissen, wie es weitergeht.

Heute kann ich die Dinge anders betrachten. Ich merke, dass ich nicht mehr alles festhalten möchte, nur weil es vertraut ist.

Und ich merke auch, dass ich nicht sofort etwas Neues brauche, nur damit wieder eine klare Richtung da ist.

Zwischen zwei Lebensphasen darf Raum sein.

Raum zum Innehalten. Raum zum Nachdenken. Raum, um wahrzunehmen, was bleiben darf – und was gehen möchte. Und auch Raum, damit etwas entstehen kann, das ich heute noch gar nicht kenne.

Der Wert des Dazwischen

Wir sind es gewohnt, auf Veränderung mit Aktivität zu reagieren. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, suchen wir eine Lösung. Wenn ein Ziel erreicht ist, setzen wir das nächste. Wenn eine Aufgabe wegfällt, suchen wir eine neue.

Das ist nicht falsch. Auch ich habe mein Leben lang gestaltet, entschieden und bewegt.

Aber es gibt Zeiten, in denen nicht sofort etwas getan werden muss. Zeiten, in denen das Dazwischen selbst seinen Wert hat.

Ein Übergang bedeutet für mich heute nicht mehr, dass ich irgendwo „zwischen den Stühlen“ sitze.

Er bedeutet, dass etwas in Bewegung ist. Das Alte ist nicht mehr das Alte. Das Neue ist noch nicht ganz das Neue. Und ich darf mittendrin sein.

Was möchte bleiben?

Je weniger ich versuche, schon zu wissen, wie es weitergehen soll, desto interessanter wird eine andere Frage:

Was ist mir eigentlich wirklich wichtig?

Was möchte ich mitnehmen in diese nächste Lebensphase? Was hat mich getragen? Welche Erfahrungen möchte ich bewahren? Welche Menschen? Welche Werte? Welche Arbeit?

Und was darf auch einfach zurückbleiben?

Solche Fragen sind für mich wichtiger geworden als die Frage nach dem nächsten grossen Ziel.

Denn wenn sich äussere Rollen verändern, entsteht die Möglichkeit, wieder genauer hinzuhören. Nicht nur darauf, was von mir erwartet wird, sondern darauf, was in mir selbst lebendig ist.

Wieder hören lernen

Die eigentliche Aufgabe dieses Übergangsjahres ist für mich:

wieder hören zu lernen, was in mir selbst entstehen möchte.

Keine Antwort zu erzwingen. Nicht sofort einen Plan daraus zu machen, sondern erst einmal wahrzunehmen.

Was fühlt sich stimmig an? Was gibt mir Energie? Was macht mich neugierig? Was möchte ich nicht mehr? Und wo spüre ich ein leises „Ja“, auch wenn ich noch nicht weiss, wohin es führt?

Das ist ungewohnt für jemanden, der lange gewohnt war, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Dinge in Bewegung zu bringen.

Aber genau das ist eine andere Form von Selbstführung: Nicht immer zu wissen, was als Nächstes kommt, sondern sich selbst so gut zu kennen, dass man den nächsten Schritt erkennen kann, wenn er da ist.

Ich weiss noch nicht, wohin dieses Jahr mich führt

Das ist das Ungewohnteste an diesem Übergangsjahr.

Ich weiss es tatsächlich noch nicht. Inzwischen empfinde ich das nicht mehr als Mangel.

Für mich ist es sogar ein Geschenk, nicht schon wieder eine fertige Vorstellung davon zu haben, wie mein Leben aussehen soll. Denn dadurch entsteht etwas, das in vielen anderen Lebensphasen wenig Platz hatte:

Offenheit.

Ich darf schauen. Ich darf ausprobieren. Ich darf mich überraschen lassen. Ich darf feststellen, dass etwas nicht mehr passt, ohne sofort eine Alternative präsentieren zu müssen. Ich darf tun, was mir Freude macht.

Und ich darf einen Weg einschlagen, nur weil er sich im Moment richtig anfühlt – ohne wissen zu müssen, wohin er mich in zwei Jahren führen wird.

Mein Übergangsjahr ist genau dafür da

Wir brauchen manchmal eine Zeit, in der wir nicht sofort wissen müssen, wer wir als Nächstes sein werden.

Eine Zeit, in der alte Rollen sich lösen dürfen und neue noch nicht feststehen. Eine Zeit, in der wir wieder näher zu uns selbst kommen.

Für mich ist dieses Jahr genau so eine Zeit.

Ich sehe es inzwischen weniger als Lücke zwischen zwei Lebensphasen und mehr als einen eigenen Abschnitt meines Lebens. Einen Abschnitt, in dem ich nicht alles planen muss. Einen Abschnitt, in dem ich aufmerksam sein möchte. Und einen Abschnitt, in dem ich wieder hören lernen möchte, was in mir selbst entstehen möchte.

Ich weiss noch nicht, wohin dieses Jahr mich führt.

Für mich genügt es, den nächsten Schritt zu sehen.

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